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(ejército videasta latinoamericano)

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Politik, Erinnerung und Visualisierung im Werk von Ernesto Salmerón

Saturday, January 5th, 2008

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Auras de Guerra
Politik, Erinnerung und Visualisierung im Werk von Ernesto Salmerón

Das Transportschiff, das den LKW der Marke IFA – mit an der Windschutzscheibe angebrachtem Namenszug El Gringo – ins Arsenal von Venedig brachte, trug den deutlich sichtbaren Namen Augusto. Auf der Ladefläche des LKW wurde El Muro transportiert, ein zwei Tonnen schweres Mauerstück, das aus der Fassade eines Kolonialhauses in Granada, Nicaragua, ausgebrochen worden war. Ernesto Salmeróns Beitrag zur 52. Biennale von Venedig (2007) ist ein weiterer Teil seines Langzeitprojektes Auras de Guerra, das er mit Foto- und Videoarbeiten schon im Jahr 1996 begann und das seit 2003, als Salmerón nach Abschluss seines Studiums in Columbien nach Nicaragua zurückkehrte, unter diesem Titel fortgeführt wird.

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Enrique Silva attaching the Wall on the IFA Truck for the travel. Managua, 2007.

Auf jenem Mauerstück, El Muro, befindet sich ein im Lauf der Zeit stark verwittertes Graffito des nicaraguanischen Guerillaführers Augusto César Sandino, das hier eigentlich nur mehr durch den typischen breitkrempigen Hut zu identifizieren ist. Diesem fragmentierten Bild des liberalen Führers im nicaraguanischen Bürgerkrieg der Jahre 1926 und 1927 haftet nachgerade der Charakter einer Ikone an , wie auch die historische Person Sandinos spätestens mit der Gründung der FSLN (Frente Sandinista de Liberación Nacional, Sandinistische Nationale Befreiungsfront) 1962 zur zentralen Identifikationsfigur der Nicaraguanischen Revolution werden sollte.

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Puerto Limón, Costa Rica. Shipping El Gringo to Venice. 2007.
Das Biennale-Projekt Auras de Guerra bestand somit aus der Installation des LKW mit dem Mauerstück und dem undeutlichen Bild Sandinos, Elemente, die in ihrer Kombination zu einer Metapher für die diffusen ideologischen Vereinnahmungen der historischen Person Sandinos – auch hinsichtlich interner und politisch folgenschwerer Konflikte in der FSLN – werden und die Ernesto Salmerón als das Projekt maßgeblich bezeichnende Koinzidenzen beschreibt: „Geboren, aufgewachsen, geflüchtet und zurückgekehrt … an Orte hier und da. Augusto.“

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El Gringo, Arsenale di Castello, Venice, Italy. 2007.

Zudem wurde die Installation im Arsenal – Venedigs ehemaliger Flottenbasis – um ein performatives Element, Desmovilizado (militärische Abrüstung), erweitert. Zwei Veteranen aus der Zeit des Contra-Krieges „bewachten“ den LKW und damit das ikonische Bild Sandinos. Die ungewisse und nach wie vor unbestimmte politische und soziale Situation Nicaraguas symbolisierten der ehemalige Contra-Soldat Don Rigoberto López Pérez und der ehemalige Kämpfer auf Seiten der Sandinisten, Adolfo Palma Castro, durch ihre Anwesenheit während der Präsentation von Ernesto Salmeróns Auras de Guerra. Salmerón hatte die ehemals einander bekämpfenden Ex-Soldaten in einem Veteranenverband in Managua kennen gelernt, in dem sich ausgemusterte Kriegsteilnehmer organisieren, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. In der Nachkriegsgesellschaft Nicaraguas, beschreibt Salmerón die Lage, „werden diese Menschen wie überflüssige Objekte behandelt“, die ohne Beschäftigung oder staatliche Versorgung sich selbst überlassen bleiben.

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War Veteran in Managua. Roberto Huembes Market. June, 2007.

Wichtig im Rahmen des Venedig-Projekts sind die persönlichen Schicksale dieser Protagonisten: „Kräfte, die von ihnen selbst nicht kontrolliert werden konnten, zwangen sie in den bewaffneten Konflikt, dessen Ursache und Wirkung sie nicht erklären können.“ (Salmerón) Don Rigoberto glaubte, sich für eine Stelle als Hausmeister zu bewerben und wurde noch von der Nationalgarde des Somoza-Regimes zwangsrekrutiert. Adolfo Palma Castro dagegen nahm an mehreren Aufständen der FSLN im Westen des Landes Teil und verlor schließlich seinen rechten Arm.
Es ist die Symbolkraft von Installation und Performance, die in konnotativer Verbindung der Objekte und deren Bewacher Erinnerung und Bewusstsein gegenüber der vertrackten historischen und gegenwärtigen Lage Nicaraguas wecken. Der IFA-LKW El Gringo etwa wurde noch in der DDR gebaut und in einer Solidaraktion während des Contra-Krieges nach Nicaragua gebracht. Mit ihm wurden sandinistische Kämpfer an die Fronten transportiert. Nun brachte man auf seiner Ladefläche das Bild Augusto Sandinos zur Biennale nach Venedig. Und auch die Wandmalerei bezeichnet ein öffentliches Kommunikationsmittel – vornehmlich zum Ausdruck des Protests – dessen sich die Menschen in der jüngeren Geschichte Lateinamerikas und speziell Nicaraguas bedienen. Damit sind auch die Murales ein Verweis auf ein schon traditionell zu nennendes Mittel der Positionierung einer Gegenöffentlichkeit abseits politisch beeinflusster Medien.

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“Salvation”. Courtain Portraits. 2000.

In einem Essay mit dem Titel „Die Erinnerung ist ein Minenfeld“ , zu Ernesto Salmeróns Auras de Guerra, nennt die Autorin Virginia Pérez-Ratton den aus Costa Rica stammenden Historiker Victor Hugo Acuña, der nicht allein im übertragenen Sinn davon ausgeht, dass Geschichte – zumal jüngere – erfassbar, nämlich greifbar, sei. Acuña geht davon aus, dass sich Geschichte auch als eine Reihe von objets trouvés konstituiert. Damit führt er einen Terminus in die Geschichtswissenschaft ein, dessen Herkunft auf das gefundene Objekt der Dadaisten und Surrealisten rekurriert, das vom Künstler ausgewählt und vielfach mit anderen Objekten, etwa in einer Collage, arrangiert wurde. Entlang dieser Überlegung wird auch die Arbeitsweise und Strategie Ernesto Salmeróns plausibel, indem er die beschriebenen, historisch besetzten Objekte auswählt, sie miteinander in Beziehung setzt und, über die historische Recherche hinausreichend, auf einer Weltausstellung vornehmlich bildender Kunst präsentiert. Gleichzeitig vollzieht Salmerón so einen kontextübergreifenden Akt zwischen historischem, sozialem und politischem Engagement und künstlerischer Behauptung, entsprechend einer nachmaligen Erweiterung des Kunstbegriffs und neuen Strategien der Gegenwartskunst gegenüber der Postmoderne.

Ernesto Salmerón wurde 1977 in Managua geboren und absolvierte sein Studium an der School of Social Communication (Integrated Arts College) der Universidad del Valle in Cali, Kolumbien. Unterstützt durch Professoren aus dem Bereich der Audiovisuellen Medien, konzentrierte er sich auf Möglichkeiten des Dokumentarfilms, obwohl er und etliche seiner Kollegen nicht als Journalisten arbeiten wollten. So habe sich, erzählt Salmerón, eine ideale Situation ergeben, in der man Sozial- und Kommunikationswissenschafter sein und zugleich Filme und Videos machen konnte. Dazu kam noch die Schwarzweiß-Fotografie, mittels der er dachte festhalten zu können, was zu verschwinden drohte. „Ich konnte etwas von meinem fernen Nicaragua festhalten, mein Nicaragua, das in Stücke brach. Etwas von meiner gescheiterten Revolution.“ Seine wichtigste Erfahrung in der Auseinandersetzung mit audiovisuellen Medien erfuhr Salmerón mit der Erstellung einer Abschlussarbeit im Rahmen des Studiums, basierend auf Fotografie, Audio- und Filmaufnahmen, mit dem Titel Muchachos de la Prensa (Jungs von der Presse). Damit auch begann für ihn die Auseinandersetzung mit „dieser verlorenen Revolution“ in Nicaragua. Es folgten Kurse für Experimentelles Video und Drehbuch. Immer öfter fuhr er in der Folge nach Nicaragua und begann mit einer dreiteiligen Serie, die er Post-Post-Post Revideolución en Nicaragua nannte, während der er beschloss, nach Nicaragua zurückzukehren um sich „der Geschichte zu stellen und um akzeptieren zu können, was mein Heimatland ist“.

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“Paraiso Paradise”. Courtain Portraits. 2000.

Mit einer Gruppe von Videokünstlern gründete Salmerón E.V.I.L. (ejército videasta latinoamericano / The Latin-American Video Army) mit dem Ziel, unabhängig von Standards und Anforderungen der Massenmedien, audiovisuelle Arbeiten zu produzieren, auch mit dem Anspruch, mit Formaten, Schnitttechnik und Inhalten experimentieren zu können. E.V.I.L. organisierte im Jahr 2004 auch den ersten Workshop für experimentelles Video in Nicaragua, dessen Produktionen auf DVD publiziert wurden.

Seit 1997, und in den folgenden Jahren, machte Ernesto Salmerón jeweils am 19. Juli, dem Tag der Revolution, Schwarzweiß-Fotografien von den Menschen in den Straßen von Managua, woraus in der Folge das stetig erweiterte Projekt Auras de Guerra entstehen sollte. Zunächst war er mit diesen Aufnahmen nicht zufrieden, glichen sie doch zu sehr jenen, die in den Massenmedien publiziert wurden. Also entschied er sich für einen Kunstgriff und verwendete einen dunklen Vorhang, vor dem sich nun, wie in einer Inszenierung, die Menschen präsentieren konnten. Damit allerdings nahm er bewusst wiederum eine Methode auf, die in der kommerziellen Porträtfotografie Lateinamerikas Tradition hat, Menschen vor einem „faltigen und deplaziert wirkenden Vorhang“ abzulichten. 16 dieser Fotografien sind in der Grazer Ausstellung AURAS DE GUERRA: intervenciones dentro del espacio público revolucionario nicaragüense in den Minoriten-Galerien zu sehen. Diese Werkserie von Fotografien – aufgenommen im Jahr 2000 auf dem alten Platz der Revolution – trägt zudem den Titel Retratos con Telón (Porträts mit Vorhang). Salmerón versprach den Porträtierten damals, ihnen die Abzüge der Fotos am 31. Juli übergeben zu wollen, aber nur fünf Personen kamen zum vereinbarten Treffen.
Für den 25. Jahrestag der von ihm als „armselig“ bezeichneten Revolution, am 19. Juli 2004, hatte Ernesto Salmerón 5000 Plakate drucken lassen und es gelang ihm, 3000 davon zunächst im Bereich der neuen Kathedrale von Managua und darauf auf dem Platz Johannes Pauls II. zu affichieren. Genau an diesem Tag wurde ein getroffenes Abkommen der katholischen Kirche und der FSLN unter Daniel Ortega veröffentlicht, mit ein Grund für massive Behinderungen, denen sich Ernesto Salmerón beim Verteilen der Plakate ausgesetzt sehen sollte. Das Plakat war beidseitig bedruckt: Eine Seite zeigte jene Fotografie aus dem Jahr 1996 mit dem Graffito Sandinos, die andere eine Reihe jener Fotografien, die Menschen am 19. Juli 2000 zeigten. Für Aufregung sorgte das Ex, das Salmerón vor die Ortsangabe plaza de la revolución gesetzt hatte. Diese Aktion wurde in einem Video festgehalten, das ebenfalls Teil der Ausstellung in den Minoriten-Galerien ist, und das Salmeròn zeigt, wie er die Plakate verteilt, die unterschiedliche Reaktionen auch bei den lokalen Medien provozieren wie auch das „Abenteuer“, als er sich Personen stellte, die sich durch diese Aktion angegriffen fühlten.
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Am 4. August 2006 sollten ebendiese Fotografien – die nun in Kooperation des Afro-Asiatischen Instituts mit dem Kulturzentrum bei den Minoriten in Graz gezeigt werden – zusammen mit der Sandino-Mauer El Muro und weiteren Arbeiten aus Auras de Guerra in einer Ausstellung des Nationalpalastes der Kultur in Managua präsentiert werden. Das Kulturministerium zensurierte und schloss die Ausstellung noch am Eröffnungstag. Gleich darauf nahm Ernesto Salmerón mit denselben Exponaten an der V. Zentralamerikanischen Biennale in El Salvador teil und wurde mit dem Ersten
Preis ausgezeichnet.

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Im Lauf seiner kritischen Auseinandersetzung mit Gegenwart und Geschichte Nicaraguas im 20. Jahrhundert erwies sich vor allem das Werkzeug Video „vergleichbar einem Notizbuch“, in dem er sich selbst als Individuum und zugleich Teil eines sozio-politischen Umfeldes beschreibt. „Video und Fotografie ermöglichen mir den Zugang zu nicht-institutionalisierter Erinnerung und – wichtiger noch – damit kann ich meine eigene Sicht der Geschichte darstellen.“ Mit Präsentationen und inhaltlicher wie formaler Fortführung des Projektes Auras de Guerra wird der Kunstkontext für Ernesto Salmerón zu einem internationalen Kommunikationsraum für den sozio-politischen Diskurs innerhalb und außerhalb Nicaraguas.

Wenzel Mraček
November 2007

Wednesday, December 26th, 2007

“Auras de Guerra”. Interventionen im öffentlichen revolutionären Raum Nicaraguas.

“Auras de Guerra” (Kriegsschauplätze)
Foto: Ernesto Salmeron
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Ernesto Salmerón, geboren 1977, lebt und arbeitet in Nicaragua. Zahlreiche internationale Ausstellungen, darunter die 52. Biennale in Venedig 2007.

Als in Nicaragua die Revolution der Sandinisten gegen die Somoza-Diktatur begann, war Ernesto Salmerón gerade zwei Jahre alt. Als Dreizehnjähriger erlebte er die Wahlniederlage der einstigen Sieger. Heute versucht er die Vergangenheit aus den Spuren zu lesen, die sich der Gegenwart eingeprägt haben, und weiß: „Die Erinnerung ist ein Minenfeld“.

Mit seinem Projekt „Auras de Guerra“ „Kriegsschauplätze“ hinterfragt er die kollektive Erinnerung an die Sandinistische Revolution, konfrontiert sie in Bildern und Videos mit dem Heute. Er zeigt die Brüchigkeit von Erinnerungen und legt gleichzeitig die Fallen des Vergessens offen.
http://www.minoritenkulturgraz.at/2007_5/Salmeron.htm
http://www.kulturserver-graz.at/kalender/event/212222844
http://www.kleinezeitung.at/freizeit/events/db/showEvent_Detail?id=55371
http://www.kulturservice.steiermark.at/cms/beitrag/10846000/4467602/_2
http://veranstaltungen.kircheninfo.com/index.php/content/view/full/4315/(multiduration)/5298